CD-Review: Krystian Zimerman – Beethoven Complete Piano Concertos

Von Kai Germann

Zimerman Beethoven Cover


Für Krystian Zimerman dürfte mit der Einspielung der kompletten Beethoven- Klavierkonzerte ein lange gehegter Traum in Erfüllung gegangen sein. Bereits 1989 hat er sich in Kooperation mit Leonard Bernstein an dieses Mammut-Projekt herangewagt. Bernstein starb dann aber und der Zyklus konnte unter seinem Dirigat nicht beendet werden. Die beiden noch fehlenden Konzerte dirigierte Zimerman dann selbst vom Piano- Stuhl aus.

In Zusammenarbeit mit Simon Rattle und dem London Symphony Orchestra wurden nun im Dezember 2020 unter Corona-Bedingungen alle 5 Klavierkonzerte in der ehemaligen St. Luke ́s church neu aufgenommen.
Aber war das wirklich nötig? Gerade die Klavierkonzerte von Beethoven verfügen über eine umfangreiche Diskographie, darunter schwache, aber auch ausgezeichnete Aufnahmen wie die von mir favorisierten, weil umwerfend dreisten von Glenn Gould (der sogar eigene Kadenzen komponierte) aus den 50er Jahren, den ebenfalls hervorragenden Einspielungen von Vladimir Ashkenazy und Sir Georg Solti oder gar Alfred Brendel mit den Wiener Philharmonikern, ebenfalls mit Rattle. Letztgenannte Aufnahme genießt sogar allgemein Referenzstatus.

Krystian Zimerman
Krystian Zimerman, Foto von Mark Allen


Schon bei den ersten Takten des c-moll Klavierkonzertes „allegro con brio“ fallen die sorgsam gewählten Tempi auf. Dieser Beethoven will definitiv anders sein. Und in der Tat ist er das auch. Eher feinsinnig nähert sich Zimerman Beethoven an.

Die Charakteristika sämtlicher Beethoven-Klavierkonzerte könnte unterschiedlicher nicht sein. So sind beim 1. Konzert deutlich die Einflüsse von Mozart und Haydn herauszuhören aber auch bereits die typischen Merkmale von Beethoven selbst, wie etwa starke Kontraste und dynamische Sprünge. Mit spielerischer Eleganz fängt Zimerman die Atmosphäre dieses Werkes ein. Gerade im Largo gelingt es ihm, den humorvollen und lebhaften Charakter des Stückes herauszuarbeiten.

Eloquentes Spiel

Das sehr sinfonisch gehaltene 3. Klavierkonzert (übrigens das einzige in der Tonart moll) zeigt Beethovens Hang zum Stimmungswechsel. Mal dunkel und hochdramatisch, dann wieder schwunghaft oder hingebungsvoll und warm, mit Anflügen einer inneren Verletzbarkeit. Eine Tour de Force der Gefühle. Zimermans Spiel ist eloquent, aber für meine Begriffe zu intellektuell und phasenweise fehlt mir hier auch die Spannung im Aufbau.

Simon Rattle
Simon Rattle, Foto von Mark Allen

 

Zwar virtuos aber auch zu theoretisch erscheint die Einspielung des 5. und letzten Konzerts, welches Beethoven aufgrund seines fortschreitenden Gehörleidens nie selbst gespielt hat, auch nicht bei der Uraufführung 1811. Dieses majestätisch und würdevoll anmutende Konzert krönt den Abschluß der sinfonischen Klaviermusik aus Beethovens Feder. Fast zu zaghaft arbeiten sich Zimerman und Rattle durch das Adagio des Stückes, da erklingt das funkensprühende Rondo schon beinahe wie eine Erlösung.

Ambivalenz

Wie bereits erwähnt, entstanden die Aufnahmen unter Pandemie-Bedingungen und bedeuten somit nicht nur für die Musiker sondern auch die Tontechniker eine besondere Herausforderung. Bei der Abmischung hätte ich mir an einigen Stellen etwas mehr Dynamik gewünscht, so zum Beispiel im 2. Satz des 5. Klavierkonzertes. Insgesamt gesehen bleibt die Gesamteinspielung hinter den Erwartungen zurück. Mir persönlich fehlen die für Beethoven typischen Impulse, die Energie und der Biss, für den der Bonner Meister ja bekannt war. Auch Rattle und sein London Symphony Orchestra wirken bei der Begleitung eher routiniert denn enthusiastisch. Somit verbleibt letztendlich ein eher ambivalenter Eindruck.

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