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Einfach Klassik.

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CD-Review: Matthias Kirschnereit spielt Haydn

Anfang September erschien wohl eine der wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen in diesem Jahr, nämlich die Einspielung sämtlicher Klavierkonzerte von Joseph Haydn.

Haydn konnte mehr

Bisher wurden dessen Kompositionen für Tasteninstrumente eher sträflich vernachlässigt. Bestenfalls in Erinnerung geblieben ist das D-Dur-Konzert. Fällt der Name Haydn, wird er in erster Linie mit Streichquartetten oder seinen zahlreichen Sinfonien in Verbindung gebracht und gilt in beiden Musikformen sogar als eine Art Urvater. Doch der sehr zurückgezogen lebende Kapellmeister von Schloss Esterhazy konnte weitaus mehr. Den Beweis dafür hat nun Matthias Kirschnereit in Zusammenarbeit mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn aktuell erbracht. Seine Interpretation sämtlicher Klavierkonzerte sorgt dafür, dass diese Werke endlich aus ihrem Schattendasein befreit werden können.

Von den zahlreichen, Haydn zugeordneten Arbeiten für Tasteninstrumente können wissenschaftlich aber tatsächlich nur neun davon Haydn zugeordnet werden, allesamt in der Tonart Dur. Kirschnereit sah es dabei als besondere Herausforderung an, sämtliche Konzerte auf einem Steinway-Flügel einzuspielen, obwohl die Kompositionen ursprünglich entweder für das Cembalo, die Orgel oder das Hammerklavier geschrieben wurden. Bei Kirschnereit klingen die Bearbeitungen allerdings so, als wären sie gerade für einen Steinway wie gemacht. Dabei hat er es sich auch nicht nehmen lassen, das Württembergische Kammerorchester vom Flügel aus selbst zu dirigieren und den interpretatorischen Spielraum für eigene Kadenzen voll auszuschöpfen.

Matthias Kirschnereit lässt Funken springen

Bei der näheren Beschäftigung mit Haydns Klavierkonzerten muss man zweifelsohne zu dem Ergebnis kommen, dass der in Rohrau geborene Komponist definitiv ein Poet war. In seinen Stücken versprüht er einen Reigen an Humor, gepaart mit ausdrucksstarken ernsthaften Momenten. Kirschnereit wandelt des Komponisten spürbare Dynamik in ergreifende spielerische Lebendigkeit um und präsentiert einen farb- und facettenreichen Haydn, der einfach nur Spaß macht. Die Behauptung, Haydn eigne sich eher als Unterhaltungskünstler für eine leichte Berieselung, ist somit glänzend widerlegt. Gerade in unruhigen Zeiten wie diesen wirkt Haydns Musik wie Balsam für die gestresste Seele. Die überlieferte Liebenswürdigkeit und lebensbejahende Persönlichkeit Haydns tritt in allen neun Klavierkonzerten deutlich zutage. Matthias Kirschnereit gelingt es von der ersten Note an, den Funken sofort überspringen zu lassen. Eine absolute Bravour-Leistung dieses Ausnahme-Pianisten, dem Star-Allüren eher zuwider sind. Dass er sich intensiv mit den Tastenkompositionen Haydns auseinandergesetzt hat, wird in jedem Satz deutlich spürbar. Zudem erweist sich das Württembergische Kammerorchester Heilbronn in der Interaktion mit dem Pianisten als idealer Begleiter und Unterstützer.

Titelfoto: Matthias Kirschnereit, Foto © Neda Navaee

Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Foto © Nikolaj Lund
Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Foto © Nikolaj Lund

Neben der feinfühligen und tiefsinnigen Interpretation Kirschnereits sei aber auch die vorzügliche Tonqualität der Aufnahme erwähnt. Der Steinway klingt klar und frisch, die Aufnahme insgesamt ist wunderbar ausbalanciert.

Diese Gesamteinspielung der Haydn-Klavierkonzerte war längst überfällig und ist definitiv eine Bereicherung am Klassik-Himmel.

Die Tracks

Icon Autor lg
Kai Germann ist Pädagoge und war 15 Jahre lang Radiomoderator in unterschiedlichen Sendeformaten. Schon als Jugendlicher früh durch Oskar Werner inspiriert, hat er sich intensiv mit Poesie, Literatur und klassischer Musik auseinandergesetzt und auch selbst Klavier gespielt. Neben dem Schwerpunkt Wiener Klassik liebt er Musik in all ihren Facetten. Er schreibt Film-Rezensionen und Klassik-Reviews (Konzerte, CD-Neuerscheinungen, Buchbesprechungen), führt Interviews zum Thema Film, Theater, klassische Musik, und hält sich gerne in Salzburg auf. Kai Germann möchte mit seinen Beiträgen nicht nur Kenner, sondern auch Neueinsteiger jeden Alters für die vielen unterschiedlichen Facetten der klassischen Musik begeistern.
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