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Einfach Klassik.

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Der neue Ring des Nibelungen am Opernhaus Zürich

Dass der sagenumwobene Rhein nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz entspringt, ist allseits bekannt. Auch dass die Schweizer gern mal auf die Herkunft ihrer Erfindungen pochen. Gleich zum Auftakt des neuen Ring-Zyklus an der Oper Zürich fragen sie im Rheingold: „Wer hats erfunden?“ Eine berechtigte Frage, denn Richard Wagner hat einen großen Teil seines Ring des Nibelungen im Schweizer Exil in Zürich geschrieben. Und so vereinnahmt man die Tetralogie kurzerhand für sich und beleuchtet mit den „Schweizer Jahren“ einen oft vernachlässigten Teil der Biografie Wagners. Der Regisseur Andreas Homoki präsentiert nun in den letzten Jahren seiner Intendanz an der Oper Zürich ein Rheingold, bei dem der Streit um die Götterburg und die Schweizer Wagner-Jahre miteinander verwoben werden.

Richard Wagner, der 1849 nach den Dresdner Aufständen in die Schweiz flüchten musste und dort neun Jahre verbrachte, lernte das Land und insbesondere Zürich schnell kennen und lieben, was in diversen seiner Briefe belegt ist. Dank seiner Gönner, nicht zuletzt Franz Liszt und dem Unternehmer Otto Wesendonck, bei dem er schließlich einzog, konnte er seine Geldsorgen aufschieben, große Teile des Rings komponieren und Auszüge daraus sogar aufführen.

Rheingold

Die Ambiguität Wagners – zwischen linken, antikapitalistischen Idealen, aber auch dem steten Wunsch nach einem finanziell sorgenfreien, gar dekadenten Lebensstil – lässt Homoki in seiner Inszenierung auf Wotan übertragen. Der Göttervater im seidenen Morgenmantel muss im Rheingold die nötigen Mittel für den Bau Walhalls zusammenraffen, und auch für Wagner galt es in Zürich das Kapital für die Fertigstellung seiner Tetralogie zu beschaffen und gleichzeitig nicht allzu viele Schulden anzuhäufen.

In den sich schier endlosen, unentwegt drehenden, weißen, holzgetäfelten Villenräumen inszeniert Homoki diesen Vorabend als bürgerliches Konversationsstück mit pointiert kritischer Gesellschaftsanalyse. Der Ring des Nibelungen von George Bernhard Shaw als Parabel auf den Kapitalismus interpretiert und von Patrice Chéreau in seinem Jahrhundertring weitergeführt; nun zeichnet sich bereits bei Homokis Rheingold eine Übertragung dieser Ideen auf die Biografie Wagners ab. Angefangen bei den Göttern als bourgeois herrschenden Klasse, die über Kraft und zumindest nicht unerheblichen Einfluss verfügenden Riesen, bis hin zu den unterdrückten Proletariern in Nibelheim, die sich gar von einem ihrer eigenen Klasse unterjochen lassen – das Rheingold wird zum Schaustück Marxscher Theorien.

Homoki wartet mit viel Ironie und Schweizer Humor auf – so werden Speer, Drache und Gold karikiert und sorgen für so manchen Lacher im Publikum. Bühnenbild, Kostüme und Licht sind überaus ästhetisch und ansprechend gestaltet und einige Szenen sind besonders durchdacht und wirkungsvoll. Der Schluss des Rheingolds, in welchem den Rheintöchtern mit grimmigem Blick Wotans die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, während Loge im Nachbarzimmer Freudentänze aufführt. Dieser konnte jedoch nicht über längere Leerläufe hinwegtäuschen, in denen Homoki in der Personenregie zu unkonkret und starr, gar konventionell und pauschalisierend blieb. Trotz interpretatorisch interessanter Ansätze wurde es nicht langweilig, aber den großen dramatischen Verlauf seiner Deutung bleibt Homoki jedoch in diesem Vorabend schuldig. 

Ebenso auch Gianandrea Noseda, der neue Generalmusikdirektor am Züricher Opernhaus, der sich der Mammutaufgabe dieses Rings mit Ehrfurcht annahm. Vielleicht zu viel Ehrfurcht, denn er konnte seine Wagner-Handschrift, in der dem Programmheft zu entnehmenden trockenen Akustik, an diesem Abend nicht verfeinern. Seine musikalischen Ansätze lagen in einer sehr dominanten, den Konversationscharakter des Rheingolds befördernden Pointierung von Holz- und Blechbläsern. Die Philharmonia Zürich sorgten dabei für eine kurzweilige Orchesterbegleitung. Nosedas Dirigat mangelte es dennoch an Feinschliff und Subtilität, einem einheitlichen, transparenten Streicherklangbild und eben der so wichtigen dramatischem Ausgestaltung der großen Bögen einer Wagner-Oper. 

Matthias Klink schlüpft als Charaktertenor par excellence stets überzeugend in verschiedenste Rollen. In seinem Hausdebüt in Zürich gab er einen Loge, der an Captain Jack Sparrow erinnerte, ohne jedoch eine bloße Kopie zu werden. Mit intelligentem, artikulatorisch detailliertem Gesang, einer jede Silbe passenden Mimik zeigte er höchsten Anspruch an Wagner-Gesang.

Rheingold

Thomas Konieczny als gestandener Wotan/Wagner-Verschnitt lässt den Meister im seidenen Morgenrock sehr gut aussehen. Bei Homoki ist er nicht mehr der jedoch nicht mehr der agile, junge Gott, gesattelt möchte er in der Götterburg endlich Ruhe vor den mahnenden Worten der Rheintöchter! Auch stimmlich brachte Konieczny all das Material mit, ist dies doch seit knapp 15 Jahren seine Paraderolle. Und doch trübten unsaubere Aussprache und irritierende Vokalverfärbungen das Gesamtbild seiner Partie.

Christopher Purves gab mit prägnanter, raumfüllender Baritonstimme einen Alberich für die Ewigkeit, seine intensive Darstellung dürfte selbst in Nibelheim für Angst und Schrecken sorgen! Auch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ging als erfahrener Mime vollkommen in seiner Rolle auf und überzeugte mit scharfer Deklamation bei gekonnt witziger Darstellung und akkurater Gesangslinie. 

Zweifelsohne war dies ein szenisch mehr als solider Auftakt für den neuen Ring-Zyklus, in welchem Homoki seinen Sinn für ansprechende Ästhetik bewies und gleichzeitig einen interessanten Regionalbezug herausarbeitet. Man darf jedoch gespannt sein, was die kommenden Teile der Tetralogie bringen werden, und ob der Regisseur seine Ideen um Wagner und Wotan in der Schweiz tatsächlich noch etwas weiterspinnen wird und vertiefen kann. Mit einigen interessante Rollendebüts – Klaus Florian Vogt als Siegfried und Camilla Nylund als Brünnhilde – wird es zumindest gesanglich ein spannender, neuer Ring-Zyklus für die Schweiz!

Titlefoto © Monika Rittershaus

Besetzung

Musikalische Leitung Gianandrea Noseda
Inszenierung Andreas Homoki
Ausstattung Christian Schmidt
Lichtgestaltung Franck Evin
Künstlerische Mitarbeit
Bühnenbild Florian Schaaf
Dramaturgie Beate Breidenbach, Werner Hintze

Wotan Tomasz Konieczny
Donner Jordan Shanahan
Froh Omer Kobiljak
Loge Matthias Klink
Fricka Patricia Bardon
Freia Kiandra Howarth
Erda Anna Danik
Alberich Christopher Purves
Mime Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Fasolt David Soar
Fafner Oleg Davydov
Woglinde Uliana Alexyuk
Wellgunde Niamh O’Sullivan
Flosshilde Siena Licht Miller

Icon Autor lg
Alexandra Richter ist Journalistin und Filmemacherin aus Frankfurt. Ihre Leidenschaft zu Oper und klassischer Musik entwickelte sich im Studium. Ihre erste Opernvorstellung war Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, die sie sehr beeindruckte und auch ihren Musikgeschmack nachhaltig beeinflusste. Momentan interessiert sie sich vorrangig für die Opern der Moderne, aber auch romantische Opern (v.a. von Richard Wagner) gehören zu ihren Schwerpunkten, wobei zeitgenössische Musik und Opernraritäten ebenfalls Beachtung finden.
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