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Einfach Klassik.

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Spektakel unter Sternen: Carmen in der Arena di Verona

Ein antikes Amphitheater, ideales Wetter und Elīna Garanča in einer ihrer absoluten Paraderollen sorgen für einen herrlichen Opernabend in beeindruckender Kulisse.

Die Arena di Verona

Als Opernfan hat man im Sommer bekanntlich die Qual der Wahl, denn an unzähligen Locations werden einzelne Opernproduktionen oder ganze Festspiele veranstaltet. Ein wahrer Klassiker, nächstes Jahr wird bereits die 100. Saison gefeiert, sind dabei die Aufführungen, die die Fondazione Arena di Verona Jahr für Jahr auf die Beine stellt. Das im ersten Jahrhundert nach Christus erbaute Amphitheater, übrigens die drittgrößte noch erhaltene antike Arena und vor allem die besterhaltene, fasste ursprünglich bis zu 30.000 Besucher:innen, heute dürfen aus Sicherheitsgründen „nur“ noch 15.000 Menschen hinein. Nicht weniger beeindruckend sind die Dimensionen der Bühne, denn diese ist mit 1.500 Quadratmetern knapp dreimal so groß wie die Bühne der Wiener Staatsoper. Diese riesige Arena bei einer Opernvorstellung Action zu füllen, kann also durchaus eine Herausforderung sein; praktischerweise hat Georges Bizets Carmen aber genug Szenen zu bieten, in denen die Bühne mit Heerscharen an Chor, Tanzkompanie und Statisterie gefüllt werden kann.

Carmen, Foto @ Foto Ennevi
Carmen, Foto @ Foto Ennevi / Fondazione Arena di Verona

Atmosphäre und Italianità

Während die Inszenierungen von Franco Zefirelli in den meisten Opernhäusern langsam aber sicher vom Spielplan verschwinden und – Traditionalisten mögen mir verzeihen – auch nicht mehr wirklich zeitgemäß sind, passen seine opulenten Regiearbeiten nach wie vor ideal für dieses Open-Air-Setting. Kleine Details einer Inszenierung oder allzu psychologische Personenführung würden aufgrund der Größe der Arena höchstens Zuseher:innen in den vordersten Reihen auffallen und alle anderen vermutlich gelangweilt zurücklassen. Langeweile lässt der Regisseur hier aber definitiv nicht aufkommen, denn es gibt ständig etwas zu sehen: von Eseln gezogene Wagen, mehr oder weniger entspannt über die Bühne trabende Pferde, Flamencotänzerinnen, bunte Kostüme und detaillverliebte Bühnenbilder. In Kombination mit erstaunlich gutem Pausenprosecco und idealen Wetterverhältnissen ergibt sich an solchen Abenden dann auch ganz automatisch diese spezielle Atmosphäre, die die Veranstalter herrlich unbescheiden mit „The most Italian place on earth“ umschreiben. Aber natürlich ist eine Freiluft-Opernvorstellung nicht vor Störungen von außen gefeit – so sind vereinzelt schon mal Möwen und Flugzeuge zu hören – aber dafür entschädigen die magischen Augenblicke, die das Ambiente eben auch zu bieten hat. Denn wenn Elīna Garanča davon singt, dass die Karten unerbittlich Carmens Tod vorhersagen und die Wolken genau in diesem Moment den Blick auf den Mond freigeben, dann ist das wirklich ganz großes Kino!

Maria Teresa Leva, Foto © Foto Ennevi / Fondazione Arena di Verona
Maria Teresa Leva, Foto © Foto Ennevi / Fondazione Arena di Verona

Nicht nur schön für’s Auge

Die lettische Mezzosopranistin war an diesem Abend natürlich auch für den Glamourfaktor zuständig, vor allem aber demonstrierte sie eindrucksvoll, dass ihr Ruf als aktuell beste Carmen nicht von ungefähr kommt: Die Stimme füllt die Arena mühelos, ist karamellig timbriert und schmiegt sich in allen Lagen elegant um die Partie. Neben der technischen Perfektion beeindruckte insbesondere der Reichtum an Farben und Emotionen, die stets in Garančas Gesang mitschwangen; so funkelte die Stimme verführerisch in der Habanera, erklang melancholisch-fatalistisch im Kartentrio und verdeutlichte in der letzten Szene kämpferisch den freiheitsliebenden Charakter der Figur. Kein Wunder also, dass diese Carmen (nicht nur) Don José problemlos um den Finger wickeln konnte. Über einen kraftvollen Tenor mit metallischem Kern verfügt Brian Jadge, der an diesem Abend nicht nur mit energischem Forte, sondern auch mit nuancierten Momenten (etwa einem elegant zurückgenommenen Piano in seiner Arie im zweiten Akt!) überzeugte. Die Höhe sitzt bei ihm überdies bombenfest und auch die Energiereserven teilte er sich ideal ein, um stimmlich auch noch in der finalen Konfrontation Vollgas bieten zu können. Darstellerisch legte Jadge die Rolle allerdings ein bisschen zu harmlos an; denn so ganz nahm man ihm die Brutalität und das gekränkte, fragile Ego des Don José nämlich im vierten Akt nicht ab, auch wenn er seine Carmen schließlich doch noch überraschend kraftvoll erstach. Mit zarter Lyrik stattete Maria Teresa Leva die Micaela aus, ihr schimmernd timbrierter Sopran vermittelte die Gefühle der Figur glaubwürdig und sie konnte in ihrer Arie im dritten Akt mit elegant gesponnenen Phrasen berühren. Mehr als nur respektabel bewältigte Claudio Sgura die Partie des Escamillo, wobei er wie die meisten Baritone in dieser Rolle in den tiefen Lagen dann doch an seine Grenzen stieß; dafür gelangen ihm in der Mittellage aber einige sehr schöne Momente, in denen er seine Stimme elegant strömen ließ. Ein großer Pluspunkt war außerdem sein schauspielerischer Einsatz: den eitlen Stierkämpfer nahm man ihm nämlich zu jeder Sekunde voll ab. Und auch die kleinen Rollen waren durchwegs gut besetzt, so bestachen etwa besonders Daniela Cappiello als Frasquita und Sofia Koberidze als Mercedes nicht nur mit ihrer Spielfreude, sondern auch mit ihren angenehm timbrierten Stimmen, die sich in den gemeinsamen Szenen schön verbanden. An ihrer Seite statteten Carlo Bosi und Nicolò Ceriani statteten die Schmuggler Remendado und Dancairo mit Schlitzohr-Charme und auch der Chors steigerte sich nach einigen anfänglichen Ungenauigkeiten bis zum vierten Akt zu einer sehr guten Leistung. Am Pult stand Dirigent Marco Armiliato, der mit scheinbar nie endender Energie und ansteckendem Enthusiasmus gesegnet ist: unter seiner Leitung schillerte das Orchester mal farbenreich in zarten Piani und tänzelte dann wieder energisch durch die feurigen Klangwelten von Bizets Werk. Eine Sternstunde erwischten dann im dritten Akt die Hörner – so präzise und sanft erklingt das einleitende Motiv von Micaelas Arie selten! Überhaupt war dieser Abend dank der starken Besetzung keineswegs nur ein atmosphärisches Spektakel für die Augen, sondern insbesondere auch ein Genuss für die Ohren.

TV-Tipp: Die Vorstellung wurde aufgezeichnet und wird am 3. September auf 3sat ausgestrahlt.

Titelfoto © Foto Ennevi / Fondazione Arena di Verona

Icon Autor lg
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Musik – und insbesondere Klassik – immer eine große Rolle gespielt hat, weil mein Großvater Komponist, Pianist und Dirigent war. Meine ersten eigenen musikalischen Versuche mit der Blockflöte waren allerdings von wenig Erfolg gekrönt, denn geduldiges Üben gehörte noch nie zu meinen Stärken. Musik begleitete mich trotzdem stets und als Teenager entdeckte ich schließlich meine Liebe zur Oper. Seither verbringe ich einen Gutteil meiner Freizeit in Opernhäusern und Konzertsälen – immer auf der Jagd nach dem besonderen Live-Erlebnis. Hauptberuflich bin ich Lehrerin und versuche, Kinder für Bildung im Allgemeinen und die deutsche Sprache im Besonderen zu begeistern. Durch das Schreiben über Musik kann ich zwei meiner großen Leidenschaften miteinander verbinden.
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